Peter Scholl-Latour über Medienmanipulation der NATO

Interviewerin: Ruth Kuczk – 31. März 2003, ZDF

Peter Scholl-Latour, der aus dem Vietnam-Krieg berichtet hatte kritisiert im ZDF den Journalismus im Bezug auf den Irak. Die Zensur im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg sei „eine Riesen-Dummheit“ und die Berichterstattung der so genannten „embedded“ Journalisten von der eine „totale Irreführung“ der Zuschauer. Was er sagt, gilt für alle nachfolgenden Kriege und für die Irre-führung der Öffentlichkeit durch die Geheimhaltung von Nuklear-Konzepten und Manövern durch die Nato. Dazu ist hier ein Bericht über das Manöver Stweadfast Noon, bei dem die sogenannten Waffen und potentiellen Toten-gräber der Menschheit wie selbstverständlich in Übungshandlungen mit einbezogen sind.

ZDF: Sie haben gesagt, der .. Irak-Krieg sei die Mutter aller Lügen. Warum?

Scholl-Latour: Wir sind noch nie so irregeführt worden, wie bei diesem Krieg. Dieser Krieg war vom 11. September 2001 an eine beschlossene Sache. Das ganze Gezerre vor der UNO war ja nur eine Täuschung der Öffentlichkeit…

ZDF: Würden Sie die Bezeichnung „Mutter aller Lügen“ auch im Zusammenhang mit der Information über den Krieg anwenden?

Scholl-Latour: Vor allem auf die offiziellen Stellen. Dass die Iraker lügen, kann man ihnen nicht verdenken … .  Aber wenn zum Beispiel der amerikanische Präsident lauthals vor laufenden Kameras verkündet, dass der Irak in Afrika Uran gekauft habe und dann stellt sich das als plumpe Fälschung heraus – das ist schon ein ziemlich dicker Hund.
Was die Irreführung der öffentlichen Meinung jetzt betrifft, brauchen Sie ja bloß die Meinung der deutschen Reporter in den amerikanischen Hauptquartieren in Kuwait oder Doha zu hören. Die werden doch von allem fern gehalten. Und die sogenannten „embedded“ Journalisten, die mit den Truppen unterwegs sind, haben natürlich überhaupt keinen Überblick. Die können nur erzählen: Da fährt gerade ein Panzer und da wird geschossen.

ZDF: Die „embedded“ Journalisten sind ja eine neue Spezialität in der Berichterstattung…

Scholl-Latour: Ja, aber eine totale Irreführung. Und die Journalisten, die das machen, berichten auch dementsprechend. Die können ja auch gar nicht anders. Aber das ist ohne jede Analyse und nur dazu da, die Öffentlichkeit zu amüsieren. Was ich sehr anerkenne und wofür ich große Bewunderung habe, das ist die Arbeit der Leute, die in Bagdad geblieben sind und wie Ulrich Tilgner vom ZDF in aller Ruhe und Sachlichkeit von dort berichten. Davor habe ich großen Respekt. Was die Kollegen in Bagdad machen, ist ja schon sehr viel – weil sie die Stimmungsbilder übermitteln und zum Beispiel bestätigen können, dass durch Einschläge Zivilisten getroffen wurden.

ZDF: Sehen Sie bei den „embedded“ Journalisten, die mit den Truppen unterwegs sind, auch die Gefahr, dass sie zu sehr fasziniert sind von dem Geschehen?

Scholl-Latour: Ja natürlich. Die haben noch nie einen Krieg gesehen und fühlen sich als Helden.

ZDF: Das ganze war ja ein Angebot des amerikanischen Militärs, das eine Offenheit signalisieren sollte…

Scholl-Latour: Die Journalisten sind doch ausgewählt worden. Die haben nur Leute genommen, deren Presseorgane im amerikanischen Sinne zuverlässig sind. Ich habe auch kaum einen Deutschen oder Franzosen dabei gesehen. Und außerdem haben die Leute auch noch die Auflage, nur das zu filmen und wiederzugeben was ihnen der Presseoffizier erlaubt. Das ist keine spontane und wahrhaftige Berichterstattung. Die können sich ja auch nicht frei bewegen, was ja auch zu gefährlich wäre – das gebe ich zu. Aber es geht doch darum, dass wir einen Überblick über die Realität der Schlacht haben und nicht darum, ob da gerade in einer Ecke geballert wird. Dann kann ich mir auch einen Western ansehen.

ZDF: Sie waren ja auch in der Kriegsberichterstattung tätig. Wenn Sie das heute noch machen würden, hätten Sie sich nicht „einbetten“ lassen?

Scholl-Latour: Nein, das würde ich nicht machen. Ich war mit den amerikanischen Truppen in Vietnam unterwegs. Aber da wählte man sich seine Einsätze selber aus und da waren die Amerikaner extrem kooperativ und haben in keiner Weise versucht, einen zu gängeln. Man konnte sich wirklich jeden Platz aussuchen und man konnte sich auch ins Auto setzen und selber hinfahren. Bei der Gelegenheit bin ich ja damals auch gefangen genommen worden. …

ZDF: Die Stimmung in Amerika ist wegen der Berichterstattung irgendwann gegen den Vietnam-Krieg umgeschlagen. Daraus haben die Amerikaner offenbar gelernt…

Scholl-Latour: Sie haben die falschen Lektionen daraus gelernt. … Und man wird noch sehen, wie sich diese Geheimhaltung jetzt am Ende gegen die amerikanischen Streitkräfte wenden wird. Man wird zu Recht sagen: ‚Ihr vertuscht die Wirklichkeit‘, wenn keine toten Zivilisten mehr gezeigt werden dürfen und alles schöngeredet wird. Langfristig gesehen ist das eine Riesen-Dummheit.

QUELLE: http://www.rhetorik.ch/Aktuell/medienkrieg/Experten.html