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Gegen das verantwortungslose Spiel mit der atomaren Gefahr

HEISSE EISEN sprach mit dem
Friedenskämpfer Bernhard Trautvetter

HE: In Essen findet vom 23. bis 25.
November 2015 die Konferenz „Luftwaffe
und strategische Kommunikation“
statt. Was verbirgt sich hinter
dieser Themenstellung?
Eine Nato-Luftwaffen-Einrichtung aus
Kalkar hält seit 10 Jahren hochrangige
Konferenzen für Führungskräfte der
Nato, Politiker und Rüstungsindustrielle
ab, fast ohne Beachtung der Öffentlichkeit.
Dabei geht es um Drohnen, Cyber-
[Internet-], Weltraum-Krieg unter Einbeziehung
der Atomwaffe.
Dieses Jahr heißt es in der Einladung, es
gäbe Kräfte, die "feindlich gegenüber
der Nato" seien. Die Militärs beklagen,
dass Kräfte wie die Friedensbewegung
die von den Militärs so gesehene "Verletzlichkeit
der öffentlichen Meinung",
also der Bevölkerung "ausnutzen": Sie
untergrüben die Unterstützung der Men-
schen für Handlungen der Militärs. Dagegen
will man verstärkt vorgehen.
HE: Das „Bündnis Verantwortung für
den Frieden“ ruft gegen die Konferenz
unter der Parole „Kein NATOKriegsrat
in Essen! - Die Kriegsgefahr
gemeinsam stoppen!“ zum Protest auf.
Ja, denn wir sagen NEIN zu Strategischer
Kommunikation der Militärs, die
so gefiltert wird, dass die Unterstützung
für kriegerische Handlungen zunehmen
soll. Wir sagen NEIN zu Strategie-Planungen,
die nukleare Waffen mit einbeziehen.
Wir wollen die Bevölkerung aufklären
und wir verlangen das Verbot von
Veranstaltungen, die Handlungen planen,
"die geeignet sind ..., das friedliche
Zusammenleben der Völker zu stören"
(Grundgesetz, Art. 26). Letztes Jahr erklärte
diese Konferenz einen großen
Krieg in Europa für möglich und sah einen
"dafür angemessenen Mix aus nuklearen
und konventionellen Kapazitäten"
vor. Dafür die Öffentlichkeit zu manipulieren
muss verhindert werden.
HE: Wie wollt ihr über die Kriegskonferenz
aufklären und in welcher Form
soll dagegen protestiert werden?
Wir bereiten ein Friedenswochenende
vor den Tagen der Konferenz vor: Es gibt
am 20.11. eine Tagung der Bundestagsfraktion
der Partei DIE LINKE vor Ort,
auf der Experten über die Gefahren aufklären.
Verschiedene andere Organisationen
tragen durch weitere Veranstal-
veranstaltet eine Friedens-Fete
in den Weststadthallen hinter dem Colosseum-
Theater Essen. Und am Samstag,
dem 21.11. ruft das Essener Friedensforum
mit breiter bundesweiter Unterstützung
ab drei vor zwölf zu einer
Friedensdemonstration von der Innenstadt
aus zum Tagungsraum der Nato an
der Messe Essen auf.
HE: Wie setzt sich das „Bündnis
Verantwortung für den Frieden“
zusammen?
Bundesweite und regionale Friedenskräfte,
Parteien, Jugendverbände, Demokraten,
teils aus dem Bereich der Antifaschisten
und der Gewerkschaften
sind unter den Aufrufern. Sie weisen
auch auf die Ursachen der millionenfachen
Flucht aus Kriegsgebieten von
Afghanistan bis Nord-/Mittelafrika hin.
Ich denke, Frieden ist Anliegen aller
Menschen in den unterschiedlichsten
Spektren. Wir verweisen nicht nur auf
das verantwortungslose "Spiel" der Militärs
mit der atomaren Gefahr, sondern
auch darauf, dass Kriege niemals zu verantworten
sind, mit welchen strategisch-
propagandistischen Werbefeldzügen
man sie auch immer zu rechtfertigen
versucht.

http://www.no-natom-krieg.de/wp-content/uploads/2015/10/Interv.mit-.B.Trautvetter_Friedensaktionen-Nov.2015-Essen.pdf

Bernhard Trautvetter ist aktiv im Bündnis
Schule ohne Bundeswehr und im Sprecherkreis
des Essener Friedensforums. Veröffentlichungen
in verschiedenen Medien,
darunter in der Zeitung des GEW-Landesverbandes
NRW Friedensforum und in
Lyrik-Anthologien.

Geheim, gefährlich und gut geschützt

(Büchel) Was genau aktuell in Büchel passiert, ist zwar höchst geheim. Dennoch ist durchgesickert, dass die Nato dort aktuell den Umgang mit US-Atombomben trainiert. Die echten Sprengkörper kommen einem Friedensforscher zufolge dabei nicht zum Einsatz, da dies viel zu gefährlich wäre.
Büchel. Jenseits eines wehrhaften Zauns, der den Fliegerhorst Büchel von den Eifeler Wiesen trennt, sollen sie liegen: die letzten US-Atombomben auf dem Gebiet der Bundesrepublik. In den Flugzeug-Sheltern, unter mächtigen Abdeckplatten, verstaut in unterirdischen Magazinen. Rund 20 an der Zahl. Bewacht von 140 Soldaten, die der Air Base Spangdahlem untergeordnet sind, und der Luftwaffensicherungsstaffel S (wie Sonderwaffen) des taktischen Luftwaffengeschwaders 33.
Und dort dürften die Bomben sich auch derzeit befinden - obwohl das deutsche Geschwader sich mit einer Viertelmillion Euro an einem Nato-Atomwaffen-Training beteiligt, das das Zusammenspiel der Partner für den Ernstfall verbessern soll. "Sie trainieren nie mit echten Bomben. Das wäre viel zu gefährlich", sagt Otfried Nassauer, Direktor des Berliner Informationszentrums für Transatlantische Sicherheit. Stattdessen kämen Trainingsbomben zum Einsatz, denen der Sprengkopf fehle. Mit diesen könne man alles üben - vom Herausholen der Bomben aus dem Lager übers Anbauen an den Tornado-Jet, das Scharfmachen bis hin zur Eingabe des Sicherheitscodes, sagt der Friedensforscher. Für Übungsflüge würden die Trainingsbomben nicht verwendet, da sie dafür zu wertvoll seien. Auch dafür gebe es spezielle Übungsbomben.
Von offizieller Seite ist wenig zu erfahren. Die Bundesregierung schweigt aus Geheimhaltungsgründen generell zu den Kernwaffen. Dass dieses Mal doch einiges nach außen drang, ist paradoxerweise eben jenem Wunsch nach Geheimhaltung geschuldet: Man hatte offenbar versucht, ein Manöver namens Cold Igloo als Deckmantel für die Nato-Atombombenübung namens Steadfast Noon zu nutzen, die jährlich an wechselnden Luftwaffenstandorten stattfindet. Der grüne Bundestagsabgeordnete Tobias Lindner wollte mehr über Cold Igloo wissen und erfuhr vom Verteidigungsministerium, dass Deutschland, Belgien, Griechenland, Italien, die Niederlande, Polen, Tschechien, die Türkei und die USA in Büchel gemeinsame Luftkriegsführung üben. Zwei Tage später teilte die griechische Luftwaffe mit, dass sie sich vom 12. bis 16. Oktober mit drei Flugzeugen an der Nato-Übung Steadfast Noon in Büchel beteilige - und damit war die Katze aus dem Sack. Die Nato bestätigte die Meldung der Griechen.
Nassauer zufolge ist der Kreis der Teilnehmenden diesmal ungewöhnlich groß, was er als Signal in Richtung Russland deutet: Die Nato will Einigkeit demonstrieren und ihren Mitgliedern am östlichen und südlichen Rand signalisieren, dass die atomare Abschreckung weiterhin besteht.

So ländlich die Eifel auch sein mag - dort sind die Spannungen zwischen den USA und Russland zuletzt deutlich zutage getreten. Dass die USA ihre in Büchel lagernden Atomwaffen gegen modernere austauschen wollen, empfindet man in Moskau als Provokation. Auch spielt Spangdahlem für die USA eine wichtige Rolle, wenn sie zeigen will, wie gut Europa bewacht wird: Die Spangdahlemer F-16 zeigen in Osteuropa Flagge, die vermeintlich für immer abgezogenen A-10-Flugzeuge (Warzenschweine) kehren für mehrere Monate in die Eifel zurück, und kürzlich erst waren sogar F-22-Tarnkappenjets da, um Russland Stärke zu demonstrieren.

Während andere US-Stützpunkte schließen, werden in Rheinland-Pfalz 2500 zusätzliche Soldaten stationiert: 1300 kommen nach Spangdahlem, 700 nach Ramstein, 500 nach Landstuhl. Das Land entwickelt sich zu einem bedeutenden US-militärischen Zentrum in Europa. Auch diese Entwicklung dürfte Moskau mit Interesse verfolgen.

Interviewerin: Ruth Kuczk - 31. März 2003, ZDF

Peter Scholl-Latour, der aus dem Vietnam-Krieg berichtet hatte kritisiert im ZDF den Journalismus im Bezug auf den Irak. Die Zensur im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg sei "eine Riesen-Dummheit" und die Berichterstattung der so genannten "embedded" Journalisten von der eine "totale Irreführung" der Zuschauer. Was er sagt, gilt für alle nachfolgenden Kriege und für die Irre-führung der Öffentlichkeit durch die Geheimhaltung von Nuklear-Konzepten und Manövern durch die Nato. Dazu ist hier ein Bericht über das Manöver Stweadfast Noon, bei dem die sogenannten Waffen und potentiellen Toten-gräber der Menschheit wie selbstverständlich in Übungshandlungen mit einbezogen sind.

ZDF: Sie haben gesagt, der .. Irak-Krieg sei die Mutter aller Lügen. Warum?

Scholl-Latour: Wir sind noch nie so irregeführt worden, wie bei diesem Krieg. Dieser Krieg war vom 11. September 2001 an eine beschlossene Sache. Das ganze Gezerre vor der UNO war ja nur eine Täuschung der Öffentlichkeit...

ZDF: Würden Sie die Bezeichnung "Mutter aller Lügen" auch im Zusammenhang mit der Information über den Krieg anwenden?

Scholl-Latour: Vor allem auf die offiziellen Stellen. Dass die Iraker lügen, kann man ihnen nicht verdenken ... .  Aber wenn zum Beispiel der amerikanische Präsident lauthals vor laufenden Kameras verkündet, dass der Irak in Afrika Uran gekauft habe und dann stellt sich das als plumpe Fälschung heraus - das ist schon ein ziemlich dicker Hund.
Was die Irreführung der öffentlichen Meinung jetzt betrifft, brauchen Sie ja bloß die Meinung der deutschen Reporter in den amerikanischen Hauptquartieren in Kuwait oder Doha zu hören. Die werden doch von allem fern gehalten. Und die sogenannten "embedded" Journalisten, die mit den Truppen unterwegs sind, haben natürlich überhaupt keinen Überblick. Die können nur erzählen: Da fährt gerade ein Panzer und da wird geschossen.

ZDF: Die "embedded" Journalisten sind ja eine neue Spezialität in der Berichterstattung...

Scholl-Latour: Ja, aber eine totale Irreführung. Und die Journalisten, die das machen, berichten auch dementsprechend. Die können ja auch gar nicht anders. Aber das ist ohne jede Analyse und nur dazu da, die Öffentlichkeit zu amüsieren. Was ich sehr anerkenne und wofür ich große Bewunderung habe, das ist die Arbeit der Leute, die in Bagdad geblieben sind und wie Ulrich Tilgner vom ZDF in aller Ruhe und Sachlichkeit von dort berichten. Davor habe ich großen Respekt. Was die Kollegen in Bagdad machen, ist ja schon sehr viel - weil sie die Stimmungsbilder übermitteln und zum Beispiel bestätigen können, dass durch Einschläge Zivilisten getroffen wurden.

ZDF: Sehen Sie bei den "embedded" Journalisten, die mit den Truppen unterwegs sind, auch die Gefahr, dass sie zu sehr fasziniert sind von dem Geschehen?

Scholl-Latour: Ja natürlich. Die haben noch nie einen Krieg gesehen und fühlen sich als Helden.

ZDF: Das ganze war ja ein Angebot des amerikanischen Militärs, das eine Offenheit signalisieren sollte...

Scholl-Latour: Die Journalisten sind doch ausgewählt worden. Die haben nur Leute genommen, deren Presseorgane im amerikanischen Sinne zuverlässig sind. Ich habe auch kaum einen Deutschen oder Franzosen dabei gesehen. Und außerdem haben die Leute auch noch die Auflage, nur das zu filmen und wiederzugeben was ihnen der Presseoffizier erlaubt. Das ist keine spontane und wahrhaftige Berichterstattung. Die können sich ja auch nicht frei bewegen, was ja auch zu gefährlich wäre - das gebe ich zu. Aber es geht doch darum, dass wir einen Überblick über die Realität der Schlacht haben und nicht darum, ob da gerade in einer Ecke geballert wird. Dann kann ich mir auch einen Western ansehen.

ZDF: Sie waren ja auch in der Kriegsberichterstattung tätig. Wenn Sie das heute noch machen würden, hätten Sie sich nicht "einbetten" lassen?

Scholl-Latour: Nein, das würde ich nicht machen. Ich war mit den amerikanischen Truppen in Vietnam unterwegs. Aber da wählte man sich seine Einsätze selber aus und da waren die Amerikaner extrem kooperativ und haben in keiner Weise versucht, einen zu gängeln. Man konnte sich wirklich jeden Platz aussuchen und man konnte sich auch ins Auto setzen und selber hinfahren. Bei der Gelegenheit bin ich ja damals auch gefangen genommen worden. ...
...

ZDF: Die Stimmung in Amerika ist wegen der Berichterstattung irgendwann gegen den Vietnam-Krieg umgeschlagen. Daraus haben die Amerikaner offenbar gelernt...

Scholl-Latour: Sie haben die falschen Lektionen daraus gelernt. ... Und man wird noch sehen, wie sich diese Geheimhaltung jetzt am Ende gegen die amerikanischen Streitkräfte wenden wird. Man wird zu Recht sagen: 'Ihr vertuscht die Wirklichkeit', wenn keine toten Zivilisten mehr gezeigt werden dürfen und alles schöngeredet wird. Langfristig gesehen ist das eine Riesen-Dummheit.

QUELLE: http://www.rhetorik.ch/Aktuell/medienkrieg/Experten.html