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Grußwort Margot Käßmann

Liebe Friedensbewegte,
zuallererst danke ich für das Engagement. Die Friedensbewegung ist klein geworden, obwohl doch die Probleme groß sind. Im vergangenen Jahr tobten 18 Kriege der höchsten Eskalationsstufe1. Syrien, Jemen, Sudan, Nigeria und Afghanistan sind Orte massivster Gewalt. Und auch in Europa ist der Krieg wieder in greifbare Nähe gerückt. Von Berlin nach Donbass sind es rund 2000 Kilometer, mein Routenplaner gibt dafür eine Fahrtzeit von 23 Stunden und 47 Minuten an! Dieser militärische Konflikt spielt sich gewissermaßen vor unserer Haustüre ab! Seit der Annexion der Krim durch Russland vor drei Jahren gibt es ständige Auseinandersetzungen zwischen der Ukraine und Russland, zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischem Militär, die inzwischen 10.000 Tote zur Folge haben. Die Beziehungen zwischen Russland und der NATO sind dadurch angespannt und verstärken sich durch Militärmanöver und Truppenstationierungen.
Statt jetzt aber Friedensmissionen, Freiwillige, Mediationsexpertinnen zu entsenden, drängt US-Außenminister Rex Tillerson darauf, dass die NATO-Mitgliedsstaaten ihre Militärausgaben auf zwei Prozent der Wirtschaftsleistungen erhöhen. Der Anteil der Verteidigungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt in Deutschland derzeit bei 1,2 Prozent, das sind rund 36 Milliarden Euro. Erwartet werden demnach mehr als 70 Milliarden! Wollen wir das?
Wie kann es sein, dass wir im Jahr 2017 nicht fähig sind, Konflikte friedlich zu lösen? Warum nur wird das Heil weiter im Militär gesucht, wenn wir doch alle, alle wissen, dass mehr Rüstung nicht mehr Frieden bringt, sondern Krieg wahrscheinlicher macht? Ganz zu schweigen davon, dass wir in den letzten Wochen realisieren, dass in der Bundeswehr wahrhaftig nicht alles nur zum Guten steht. Ja, die Mehrheit der Soldatinnen und Soldaten steht fraglos zu Verfassung und Grundgesetz. Aber einen Nährboden für rechtsextremes Gedankengut gibt es da offenbar auch…
Ganz aktuell ist auch klar, dass ein Präsident Trump die Welt nicht sicherer macht. Erst kürzlich hat er in Bethlehem (!) gesagt: Frieden kann nicht in einer Umgebung entstehen, in der Gewalt toleriert, finanziert oder sogar belohnt wird“2. Wie wahr. Allerdings war das einen Tag, nachdem er auf seiner ersten Auslandsreise Saudi Arabien besucht hat – ein Land das gerade nicht für Frieden und Freiheit steht, sondern permanent Menschenrechte, gerade Frauenrechte, verletzt und im Jemen Krieg führt. Dieses Land stand nicht auf der Liste der Staaten, aus denen man nicht einreisen dürfen sollte – dort hat Trump einen seiner beliebten Deals unterzeichnet, und zwar den größten Rüstungsdeal der US Geschichte über 110 Milliarden Dollar. Dieser Präsident macht gerade nicht Hoffnung auf Frieden, sondern lässt uns bangen, ob er nicht aus irgendeiner Emotion heraus seinen „red button“ drückt. Das ist eine enorme zusätzliche Belastung. Gerade in Asien eskalieren die Konflikte. In Pjöngjang agiert ein Mann als Diktator, der gern mit Raketen provoziert. Ministerpräsident Shinzo Abé in Japan will nach 70 Jahren die pazifistische Nachkriegsverfassung revidieren. Präsident Putin gibt gern den Kriegsherrn, China rüstet massiv auf, Ministerpräsident Erdogan lässt Journalisten und Menschen anderer Meinung verhaften.
Da müsste doch ein Aufschrei um die Welt gehen: „Die Waffen nieder!“. Dieser Satz ist ein Zitat. Es ist der Titel eines Buches von Bertha von Suttner. Sie war die erste Frau, die den Friedensnobelpreis erhielt.
Das ist eine Ermutigung, finde ich. Wir können anknüpfen an Frauen und Männer, die sich in ihrer Zeit gegen Geist, Logik und Praxis des Militärischen gewandt haben. Ich engagiere mich in christlicher Tradition, andere aus anderen Motiven. Aber gemeinsam, davon bin ich überzeugt, können wir einen entscheidenden Beitrag zum Frieden leisten. Also: Nicht verzagen, sondern engagiert und mutig bleiben!

Mit herzlichem Gruß, Margot Käßmann

1 Alle Zahlen: Heidelberger Institut für Konfliktforschung.
2 Peter Münch, Irgendwas mit Frieden, SZ 24/25.5.17.